Und heute?

Der Umgang mit dem Nazi-Erbe


Jüdische Heimkehrer/innen erhielten nach Kriegsende von der Stadt zur Begrüßung einhundert DM, zehn Flaschen Wein und Möbel für die erste Wohnung. Später übernahmen die Stadt Trier und das Land Rheinland-Pfalz die Baukosten für die neue Synagoge der kleinen jüdischen Gemeinde in der Kaiserstraße. Durch die Einwanderung von Jüdinnen und Juden aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ist die Zahl der Gemeindemitglieder von 50-70 (1990) auf 460 (2017) angewachsen. Der Umgang mit der Nazivergangenheit fiel auch den Trierern schwer. War die Scham über die von Deutschen und mitten in Trier begangenen Verbrechen zu groß? Politik und Gesellschaft widmeten sich drängenderen Fragen: dem Wiederaufbau, dem ideologischen Kampf im „Kalten Krieg“. Immerhin glaubte die Trierer CDU 1949, den hochbelasteten Nazi-Juristen Hans Globke zum Oberbürgermeister machen zu können. Das Vorhaben scheiterte an der SPD.

Ende der siebziger Jahre entfachten SPD-Mitglieder eine Diskussion in Stadtrat und Lokalzeitung, ob man Hitler und dem ehemaligen Reichsinnenminister Rust die Trierer Ehrenbürgerschaft aberkennen solle. Erst 2015 gelang das auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Klaus Jensen.

Zur 2000-Jahr-Feier errichtete die Stadt Trier 1984 eine Gedenkstele am Zuckerberg, dem Standort der früheren Synagoge. Seit 1988 legen Repräsentant(inn)en der Stadt am Jahrestag der Pogromnacht Blumen an dieser Stelle nieder. Im gleichen Jahr erhielt die AGF für ihre Gedenkarbeit den Hans-Eiden-Preis der Stadtratsfraktion der Grünen. Dieser Preis erinnerte an einen kommunistischen Widerstandskämpfer, der das KZ Buchenwald überlebt hatte. 1993 folgte die Gedenktafel am Haus Fetzenreich für die von dort aus deportierten Jüdinnen und Juden. 1995 ehrte die Stadt Hans Eiden mit einer Gedenktafel in der Engelstraße.

Die AGF leistete am 8. Mai 1985 erstmals einen Beitrag zur Gedenkkultur der Stadt Trier. An diesem Tag fand der Rundgang „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ statt, der mit Abschlussreden u.a. von Willi Torgau und Paul Wipper auf dem Hauptmarkt endete. Diese Form des Erinnerns ging auf antifaschistische Stadtrundgänge zurück, die der KZ-Überlebende Willi Torgau zuvor jahrelang angeboten hatte.

Seit der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1996 einen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus einführte, bieten die Evangelische Studentinnen- und Studentengemeinde und die Katholische Hochschulgemeinde jedes Jahr um den 27. Januar herum Gedenkveranstaltungen an. Diesem Bündnis haben sich inzwischen die AGF und die Volkshochschule der Stadt Trier angeschlossen.

Im Jahre 2000 forderte die AGF die Stadt und die Schuhfabrik Romika mit einem Brief und einer Mahnwache auf, dem Zwangsarbeiterentschädigungsfonds beizutreten. Romika kündigte daraufhin den Beitritt zum Entschädigungsfonds an. Ihr folgten später die Stadt Trier und die Trierer Walzwerke.

Nachdem der Stadtvorstand 2005 grünes Licht für die Verlegung von Stolpersteinen gegeben hatte, kam das Kunstprojekt von Gunter Demnig auch in Trier zum Zuge. 2008 beging die Stadt Trier im Verbund mit zahlreichen gesellschaftlichen Einrichtungen und Initiativen den 70. Jahrestag des Novemberpogroms mit insgesamt 20 Veranstaltungen. Einer der Höhepunkte war eine gemeinsame Aktion der AGF und des Stadtarchivs, bei der die Kennkartenfotos der ermordeten Trierer Jüdinnen und Juden auf die Wand des Hauses Fetzenreichs projiziert wurden.

Wichtig war aus Sicht der AGF auch die lange geforderte Umbenennung des Hindenburg-Gymnasiums in Humboldt-Gymnasium 2009 und die Errichtung des Mahnmals für die verfolgten Trierer Sinti und Roma auf dem Bischof-Stein Platz 2011. Das Stadtarchiv legte 2010 auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters (und AGF-Initiators) Klaus Jensen ein Gedenkbuch für die Jüdinnen und Juden der Stadt Trier unter dem Titel „Trier vergisst nicht!“ vor. 2011 war es die Trierer Staatsanwaltschaft, die ein folgenreiches und bis heute ergiebiges Forschungsprojekt der Universität Trier über die Geschichte ihres neuen Domizils anstieß: das ehemalige Reichsbahndirektionsgebäude am Balduinsplatz war in der Nazi-Zeit Sitz der Trierer Gestapo.

2012 griff der Ortsbeirat von Trier-Feyen den Vorschlag der AGF auf und benannte eine der neuen Straßen im Stadtteil nach Orli Torgau, Schwester von Willi Torgau und KZ-Überlebende.
quadrat Straßennamen mit Bezug zur NS-Zeit

So hat sich inzwischen eine lebhafte und ertragreiche Erinnerungskultur in der Stadt Trier etabliert. Mit ihren politisch-historischen Rundgängen, Vortragsveranstaltungen, Ausstellungen und politischen Initiativen ist der Arbeitskreis „Trier im Nationalsozialismus“ der AGF seit drei Jahrzehnten deren fester zivilgesellschaftlicher Bestandteil.

quadrat Aktuelle Situation in der Bundesrepublik Deutschland



 

zerstörte Grabenstraße
Blick in die zerstörte Grabenstraße
(links: Palaststr., rechts: Brotstr.)


Gedenken in Hinzert
Gedenken in Hinzert